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Es wird genäht – Kleiner Bericht zu den Nähworkshops mit Flüchtlingen

Es wird genäht - Kleiner Bericht zu den Nähworkshops mit Flüchtlingen 1

Nähworkshops für Flüchtlinge in BerlinDer erste Monat des neuen Jahres ist nun auch schon vergangen und die Flüchtlingsdebatte bleibt Hauptthema in den Medien. Was an Silvester in Köln und anderen Städten passiert ist, war schockierend und muss Konsequenzen haben. Was gleichzeitig allerdings an Konsequenzen von einigen sogenannten Politikern gefordert wird, schockiert mich ebenfalls. Auch viele von euch scheinen an diesen Themen interessiert zu sein und ich bekomme sehr häufig Nachrichten und Nachfragen zu den wöchentlichen Nähworkshops mit Flüchtlingen. Gerne möchte ich euch deshalb heute einen persönlichen Einblick in das geben, was ich in den letzten Wochen erlebt haben.

Zu Beginn des Visioneers-Projektes haben wir die Teilnehmer von einem Flüchtlingsheim in der Nähe abgeholt. Eine bunte Mischung aus Kindern, Frauen und Männern aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern. Nach einiger Zeit kamen jedoch immer weniger Nähwillige zusammen, da die Bewohner dieses Heims zum Zeitpunkt des Workshops in der Schule oder in der Sprachschule waren. Am Giving Tuesday holten wir dann zum ersten Mal unbegleitete Jugendliche aus einer Unterkunft in Wannsee ab. Mit 36 Jugendlichen gleichzeitig haben wir Noizhefte gebastelt, was definitiv eine Herausforderung war. Seitdem holen wir wöchentlich die Jungs, alle etwa zwischen 14 und 17 Jahren, viele von ihnen aus Afghanistan, ab. Inzwischen kommen immer nahezu die gleichen etwa zehn bis fünfzehn Jugendlichen, die ich gemeinsam mit einem Team aus einem Syrer, einer Französin und einer Neuberlinerin sowie wechselnden Helfern betreue. Die drei ständigen Helfer sind mir durch dieses Projekt übrigens zu Freunden geworden, sodass wir auch neben den Workshops gerne Zeit miteinander verbringen.

Was nähen wir?

Viele der Projekte, die wir nähen, zeige ich euch auch hier auf dem Blog. Bereits Tage zuvor plane ich immer das neue Projekt und entwerfe nach Möglichkeit ein Schnittmuster. So haben wir diese einfachen Wendemützen, Handschuhe und Loopschals genäht. Ein kleines Problem ist allerdings, dass die Jungs immer besser werden gleichzeitig auch einfach unsere Zusammenarbeit im Team und die Kommunikation mit den Jungs besser funktioniert. So haben wir am Anfang kaum einen einfachen Beutel innerhalb von zwei Stunden nähen können und in der vorletzten Woche waren sie dann nach nur 90 Minuten fertig sowohl mit Handschuhen, als auch mit einer Mütze. Dementsprechend muss ich mich jetzt unbedingt mit ein wenig komplizierten Projekten beschäftigen. In der letzten Woche waren Turnbeutel an der Reihe. Als ich meinen Prototypen rausholte und zeigte, was heute genäht wird, schauten die Jungs mich ein wenig schockiert an und dem Gemurmel war ein fast einstimmiges „sehr schwer“  zu entnehmen. Im Endeffekt haben aber alle richtig schöne Beutel genäht und waren am Ende stolz wie selten zuvor auf ihre Nähwerk. Einige der Jungs scheinen übrigens gelernte Näher zu sein und in ihren Heimatländern in der Industrie gearbeitet zu haben. So gut sie deshalb auch im Umgang mit Nähmaschinen sind, von kreativem Arbeiten haben sie gar keine Vorstellung, da sie offensichtlich immer nur wie am Fließband eine bestimmte Arbeit durchführen mussten. Sie jetzt langsam an größere Projekte heranzuführen und ihnen zu zeigen, wie man eigene Ideen umsetzt, bereitet sowohl mir, als auch ihnen viel Freude.

Wie funktioniert die Kommunikation?

Erstaunlicherweise wunderbar. In den ersten Wochen kam nach der Begrüßung immer die Forderung „Please in english“ auf, die ich aber einfach übergangen habe. Wir nutzen kein Wörterbuch, keine Sprachapp und hatten bisher dennoch keine Kommunikationsschwierigkeiten. Ich erkläre alles auf deutsch, auch das restliche Team soll nach seinen Möglichkeiten deutsch sprechen. Indem man viel einfach zeigt und nebenbei erklärt, funktioniert dies bisher problemlos. Die Jungs antworten auf Farsi, arabisch oder in anderen Sprachen, manchmal auch ein wenig auf englisch und inzwischen – was mich doch begeistert – auch mit ersten deutschen Wörtern.

Nähen mit Jugendlichen

Welche Entwicklung sehe ich?

Wenn ich in den September blicke, sehe ich große Veränderungen bei einzelnen Personen. Ein syrischer Näher, der den Workshop ganz zu Beginn, kurz nach seiner Ankunft in Deutschland besucht hat, ist inzwischen meine regelmäßige Unterstützung bei den Workshops und wir unterhalten uns komplett auf deutsch ohne die geringsten Verständigungsschwierigkeiten. Aber auch bei den Jungs, die wir erst wenige Wochen betreuen, sehe ich große Veränderungen. Nicht nur, dass sie beginnen, sich an deutschen Wörtern zu probieren, Schere und Stift, werden inzwischen nur noch auf deutsch gefordert, auch werden sie immer offener. Waren sie am Anfang noch sehr zurückhaltend, ist davon nicht mehr viel übrig geblieben. Wir lachen viel gemeinsam, sie scherzen und beginnen, wieder viel mehr ins spielerische zu verfallen, indem sie zum Beispiel einfach spontan eine Augenklappe nähen und sich darüber freuen, wie ein Pirat auszusehen. Gleichzeitig sind sie auch generell offener. Saßen sie in der ersten Woche noch ziemlich ruhig auf den Stühlen und versuchten ihr Projekt irgendwie zusammenzunähen, nehmen sie jetzt die Hilfe viel mehr an und fordern sie auch ein. So war es zum Beispiel in der letzten Woche spannend zu sehen, dass ich kaum stillstehen konnte, da alle paar Sekunden irgendjemand nach mir gerufen hat, um mir eine Frage zu stellen.

Nähen mit Flüchtlingen in Berlin

Warum sind solche Angebote wichtig?

Es geht nicht darum, die Jungs oder andere Teilnehmer zu professionellen Schneidern auszubilden oder ihnen eine Zukunft in diesem Bereich zu ermöglichen. Das sind viele Schritte zu weit gedacht. Viel eher sehe ich in solchen Projekten einen wichtigen ersten Schritt zur Integration. Statt den ganzen Tag in einer Unterkunft zu sitzen, kommen sie so unter deutschsprachige Menschen, lernen die Sprache und auch unsere Kultur ein wenig kennen und das alles, während sie Spaß am kreativen und gemeinsamen Arbeiten haben. Diese Momente und Stunden der Freude, die wir damit schenken können, sehe ich als unglaublich wichtig an, um einen positiven Start in das Leben in Deutschland zu haben. Gleichzeitig ist genau das für mich der erste Schritt zur Integration. Wie viel leichter muss es einem fallen, wenn man willkommen geheißen wird, statt nur bürokratischen Hürden zu unterliegen? Wir können mit den Nähworkshops nicht grundsätzlich zur Lösung der Flüchtlingsdebatte beitragen, aber wir können ein paar jungen Menschen zumindest eine gut Zeit schenken, indem wir sie als Teil unserer Gesellschaft sehen und auch so behandeln.

Negative Erfahrungen habe ich bisher nicht gemacht. Im Gegenteil. Ich dachte immer, ich bin nicht sonderlich vorurteilsbelastet, da ich unter vielen unterschiedlichen kulturellen Einflüssen in Kreuzberg aufgewachsen bin. Dennoch tuen die Medien wahrscheinlich ihr übriges dazu, sodass ich nicht damit gerechnet habe, so moderne junge Frauen kennenzulernen und so offene und warmherzige Jugendliche und Erwachsene, die den gängigen Klischees in keinsterweise entsprechen. Immer wieder nehme ich auch Interessierte zu den Workshops mit, deren Bild sich dann auch oft sehr ändert. Schlechte Menschen wird man in jeder Gesellschaft und Kultur finden, die meisten jedoch wählen einen anderen Weg und wenn man sie durch solche Projekte ein paar Schritte auf ihrem Weg begleiten kann, ist das meiner Meinung nach von Vorteil für eine positive Entwicklung.

Wenn ich am Mittwoch Nachmittag in glückliche Augen blicke, wenn die Jungs anfangen zu jammern, dass sie doch nur noch ein paar Minuten bleiben wollen, weil sie noch dieses oder jenes nähen möchten und ich sie leider auf die nächste Woche vertrösten muss, weiss ich, dass diese Zeit gut investiert ist.


22 Antworten zu “Es wird genäht – Kleiner Bericht zu den Nähworkshops mit Flüchtlingen”

  1. Danke für deinen Bericht und dein Engagement für dein Projekt als Teil unseres großen Projektes: unser Land, unsere Zukunft gemeinsam mit unseren (potentiellen) Einwanderern zu gestalten. Ohne sie würde es schwer – gegen sie unmöglich! Du packst den Intergrations-„Ochsen“ bei den dir naheliegenden, gestalterischen „Hörnern“ und lenkst ihn damit charmant in die erste Kultur-Erfahrung-Tour. Und ich freue mich, dass du diese so offen gestaltest. Weiterhin viel Kraft und Elan bei deinem Herzensprojekt. Es grüßt Anja

    • Vielen Dank liebe Anja, mir machen die Workshops, wie sich wohl erahnen lässt, viel Spaß und ich denke, dass wir damit den Jungs auch eine Freude bereiten und ihnen gleichzeitig ein wenig auf dem steigen Weg der Integration weiterhelfen können.

      Liebe Grüße,

      Julia

  2. Danke für den Bericht, aber was ich mich seit den ersten Fotos frage: warum sind das nur männliche Flüchtlinge? Warum sind keine Frauen dabei?
    Liebe Grüße
    Claudia

    • Liebe Claudia,

      am Anfang hatten wir ausschließlich Frauen und Mädchen, wie du zum Beispiel an diesen glitzernden Objekten erkennen kannst: https://funkelfaden.de/index.php/diy-handytaschen-aus-filz-ein-paar-gedanken/
      Allerdings sind die Mädchen jetzt alle in der Schule und dort stark eingebunden. Nach dem Unterricht sind sie dann meist müde, was ich bei so vielen neuen Eindrücken auch gut verstehen kann. Viele erwachsene Flüchtlinge sind um diese Uhrzeit auch meist in Sprachkursen, weshalb wir zur Zeit auch keine Frauen dabei haben. Allerdings sind immer mal wieder zwei syrische Frauen da, die das Team verstärken. Ein Mädchen, mit dem ich auch nebenbei ab und zu etwas unternehme, kommt allerdings regelmäßig alleine zu den Nähworkshops. Sie ist auf den Bildern nicht zu sehen, weil sie meist andere Projekte verfolgt, zum Beispiel einen Rock näht und sich dann gerne auch in den vorderen Raum setzt. Zum Nähen ist sie aber dann auch mitten unter den Jungen und weiß sich absolut zu behaupten. Generell sind in dem Heim, aus dem wir die Jungs abholen nur männliche unbegleitete Flüchtlinge. Ich vermute, es wird auch einfach nicht so viele unbegleitete, minderjährige Mädchen geben, die ohne ihre Familie unterwegs sind. Ich bin so schon erstaunt, wie viele junge Frauen alleine unterwegs sind, aber bei den minderjährigen wird vermutlich doch die Anzahl der Jungen stark überwiegen. Die Situation dieser Jungs ist besonders schwierig, da sie hier niemanden haben, weder Eltern, noch sonst irgendjemand, weshalb ich es sehr schön finde, dass wir uns ihnen wenigstens für ein paar Stunden annehmen können.

      Liebe Grüße,

      Julia

        • Das hoffe ich auch. Die Sprache zu erlernen ist unglaublich wichtig. So wie ich das verstanden habe, ist das Heim dort ist ein wenig eine Übergangssituation und die Jungs sind bis Anfang März dort, aber ich werde mich auf jeden Fall noch einmal genauer informieren.

          Liebe Grüße,

          Julia

        • Liebe Claudia,

          ich habe neue Informationen. Bisher hatten die Jungs, so wie ich es verstanden habe, je nur 1,5 bis 2 Stunden Sprachunterricht pro Tag von Ehrenamtlichen. Inzwischen wurden zwei von ihnen (von insgesamt über 70) eingeschult und haben nun von 10 bis 16 Uhr Unterricht. Mit einem davon stehe ich in Kontakt und es ist unglaublich, was eine einzige Woche Sprachunterricht und der Wunsch des Jungen, Deutsch zu lernen, bringen kann. Bestand unsere Kommunikation (per Whatsapp) vor einer Woche komplett aus Guten Morgen, Danke, gut und Gute Nacht, sind es jetzt richtige Sätze und Fragen, die auch beantwortet werden können. Selbst übers Handy merkt man, wie glücklich der Junge darüber ist und wie sehr ihn die Möglichkeit motiviert, seine neu erworbenen Sprachkenntnisse direkt anzuwenden. Dementsprechend hoffe ich, dass bald noch mehr von ihnen einen Platz in einer Welcome Klasse erhalten.

          Liebe Grüße,

          Julia

          • Liebe Julia, danke für die weiteren Informationen. Hoffentlich werden es bald mehr als zwei von 70 sein! Die Sprache des Landes, in dem man lebt, sollte man unbedingt lernen (können.
            Liebe Grüße
            Claudia

    • Danke für deinen Kommentar liebe Sonja. Der Workshop bereitet uns allen viel Freude und die positive Energie der Jungs gibt einem so viel zurück 🙂

      Liebe Grüße,

      Julia

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