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Vom Ausländer im Garten zählen

Vom Ausländer im Garten zählen 1

Sonnenuntergang im GartenGestern gab es ein schönes Sommerfest in der Gartenkolonie mit Kuchen, Baklava und Würstchen und sehr vielen Familien mit Kindern. Gestern gab es aber auch zwei Familien, die vor dem Kolonieplan stehen blieben und die „Ausländer“ zählten und dann irgendwelche Zahlenvergleiche mit anderen Kolonien anstellten. Ich, mutig wie ich bin, habe dazu nichts gesagt und bin ziemlich schockiert weitergegangen. Allerdings lies mich die Situation nicht los und führte zu einer eher schlaflosen Nacht.

Am Sonntag davor war ich in Warnemünde und auf der Rückfahrt saßen mir im Zug zwei etwa 13jährige Mädchen gegenüber, die mit ihren (vermutlich arabischstämmigen) Familien ebenfalls einen Ausflug ans Meer gemacht haben. Die beiden erzählten fröhlich und lachend, wie und wann sie am Strand als Kanaken bezeichnet wurden oder wer sich über Menschen mit Kopftüchern in seiner Umgebung aufgeregt hat.

Einen Abend vorher war ich mit einer  Freundin verabredet, die ebenfalls ziemlich locker erzählte, dass sie sich inzwischen nicht mehr traut in Jogginghose einkaufen zu gehen, da sie das Gefühl hat dann direkt schief angeschaut und als böser Flüchtling eingestuft zu werden. Ausflüge in das Berliner Umland und den Osten Deutschlands macht sie nicht mehr. Sie hat recht dunkle Haut.

Um ehrlich zu sein, schockiert mich das alles sehr. Ich lese von Heidenau und finde es beängstigend. Das es Nazis gibt, weiß ich. Schlimm genug, aber mehr Angst macht mir dieses Gedankengut, dass plötzlich auch von „ganz normalen Menschen“ öffentlich nach außen getragen wird, wie wir es schon bei den Pegida-Demonstrationen erleben mussten.

Woher kommt die Angst?

Ich bin in Berlin Kreuzberg aufgewachsen. Die Eltern meiner Mitschüler kamen aus den unterschiedlichsten Ländern. Es war kaum jemand dabei, vom dem beide Elternteile hier geboren sind. Als Kind hat man schon mitbekommen, dass alle unterschiedliche Wurzeln haben. Es gab bei Schulfesten immer sehr vielfältiges Essen und wir sangen Lieder in den verschiedensten Sprachen. Das war (und ist es für mich noch immer) allerdings völlig normal. Negative Erlebnisse hatte ich diesbezüglich nie. Es gab auch einige Kinder aus Flüchtlingsfamilien. Die Eltern der eben beschriebenen Freundin flüchteten zum Beispiel vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka, von einer anderen Freundin wusste ich, dass der Vater im Krieg in Jugoslawien gefallen war. Als Kind interessiert man sich dafür aber einfach nicht. Freunde findet man unabhängig von der Herkunft und ein multikultureller Klassenverband führt doch viel eher dazu, dass man mehr lernt, als nur lesen schreiben und rechnen.

Sind es die vielen Flüchtlinge, die in Teilen der Bevölkerung diese beängstigende Stimmung hervortreten lassen? Ist man ein besserer Mensch, nur weil man hellere Haut und einen deutsch klingenden Namen hat? Oder ist das nicht alles mehr als albern? Ich verstehe es einfach nicht. Mir fehlt komplett der Bezug zu Fremdenhass und der Angst vor Flüchtlingen.

Vielleicht verlieren wir aber auch einfach die Verbindung zu dem, was Flucht bedeutet, weshalb es an Empathie mangelt. Ich bin in Berlin geboren und habe nie Leid erfahren müssen. Aber habt ihr mal mit euren Eltern / Großeltern gesprochen? Meine Oma väterlicherseits wandert mit Kindern in den 60ern aus medizinischen Gründen aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland ein. Meine Großeltern mütterlicherseits sind 1945 beide als Kinder zu Fuß aus ihrer Heimat in Schlesien und bei Danzig aufgebrochen. Spricht man meine Oma heute auf die Flucht an, kann sie ziemlich gut beschreiben, dass Flucht aus der Heimat kein kleiner Spaziergang ist und in den seltensten Fällen freiwillig geschieht. Immer wieder fällt dabei die Aussage: „Wir dachten, wir könnten bald wieder nach Hause“.

Im Grunde haben wir alles, was wir brauchen. Es gibt ein gutes Gesundheitssystem, Essen und Wohnraum, Sozialleistungen und auch an Luxusartikeln mangelt es den meisten von uns nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass alles durch die Aufnahme von einigen Flüchtlingen zusammenbricht, ist mehr als gering. Es gibt zur Zeit so viele Menschen, die nach Europa fliehen, weil sie keine Alternative sehen. Niemand macht sich einfach so auf solch eine gefährliche Reise. Wir alle kennen die Bilder von den Füchtlingsbooten oder dem Bahnhof in Mazedonien. Würdet ihr auf so ein Schiff oder in diesen Zug steigen wollen? Dazu ist man vermutlich nur fähig, wenn man Angst um sein Leben und das seiner Familie haben muss, nicht weiß, ob man den nächsten Tag noch erlebt oder genug Essen hat, um die Kinder durch die nächste Woche zu bringen. Für mich unvorstellbar aber leider doch Realität.

Statt Ausländer im Garten zu zählen, kann man jedoch auch etwas tun. Überall werden Sachspenden gesucht, noch dringender Geldspenden oder Ehrenamtliche, die helfen können.


Die Aktion #Bloggerfürflüchtlinge sammelt für Flüchtlinge in Moabit

Hier findet ihr eine Karte mit verschiedenen Projekten / Wie kann ich helfen?

Auch beim Roten Kreuz könnt ihr Spenden und euch ehrenamtlich engagieren

Außerdem gibt es überall in Deutschland auch regionale Projekte, bei denen man nachfragen kann, was gebraucht wird.

Vielleicht habt ihr auch Lust etwas zu nähen? Der Bedarf scheint überall unterschiedlich zu sein. In einingen Flüchtlingsheimen wird dringend Kinderbekleidung benötigt, in anderen Kleidung für Erwachsene Männer oder Leggings für Frauen. Ich weiß, dass viele von euch ganz wundervoll nähen können und es ist doch schön, wenn man mit so einer Kleinigkeit helfen kann. Vielleicht kann man so etwas auch weniger als Spende, als eher als kleines Begrüßungsgeschenk sehen, als Zeichen dafür, dass Menschen in Not bei uns Willkommen sind.

Was auch immer hilft, ist nicht wegschauen. Vielleicht mögt ihr auch berichten, was dieses Thema bei euch auslöst oder was man gegen dieses aufkeimende Gedankengut tun kann.

 UPDATE – Inzwischen besitzt die Aktion #Bloggerfuerfluechtlinge eine eigene Webseite, auf der ihr euch informieren könnt: www.blogger-fuer-fluechtlinge.de

#bloggerfuerfluechtlinge


11 Antworten zu “Vom Ausländer im Garten zählen”

  1. Hallo Julia,

    ich bin ehrlich gesagt im Moment auch fassungslos was so alles über Menschen gesagt wird, die ihre Heimat verloren haben, weil das Leben dort lebensgefährlich geworden ist. Es scheint, das die Empathie verloren geht. Versucht man sich auch nur annähernd in deren Situationen zu versetzen, müssen solche negativen Gedanken doch sofort abgestellt sein.

    Liebe Grüße
    Sandra

  2. Liebe Julia,
    dein Text zum Thema „Flüchtlinge“ ist dir ausgesprochen gut gelungen!
    Danke für diese klugen Zeilen. Respekt: Den solltest du mal als Leserbrief an die SÜDDEUTSCHE und/oder andere Zeitungen schicken…

  3. Toller Beitrag liebe Julia,
    ich schreib dir mal noch eine differenziertere Nachricht, sobald ich all meine Gedanken geordnet habe. Ich bin gerade etwas verwirrt. Ich komm nämlich aus Heidenau. Was da passiert, überrascht selbst mich und da mein Bild von Hdn ohnehin schon nicht das beste ist, will das echt was heißen.

    • Liebe Anne,
      ich musste auch an dich denken, als ich zum ersten Mal von der unfassbaren Situation in Heidenau gehört habe. Ich weiß auch nicht, was ich dazu sagen soll. Ich finde es schlimm, dass dort so viele Kinder mitlaufen, so viele junge Menschen. Heidenau wird jetzt vermutlich über Jahrzehnte untrennbar mit den Ereignissen verbunden sein, so wie man es von Hoyerswerda kennt. Aber auch in Berlin erlebe ich wie oben beschrieben immer häufiger Momente, die ich im Grunde gar nicht fassen kann. Ich dachte immer, darüber wäre Deutschland bereits mehrere Jahrzehnte hinweg und es betrifft nur einige wenige verirrte Seelen. Offensichtlich leider nicht.

  4. Hallo,
    Herzlichen Glückwunsch zu diesem tollen Beitrag. Er ist dir sehr gelungen und ich gebe dir absolut recht. Ein Punkt hat mir jedoch ein wenig zu denken gegeben… Deine Freundin macht keine Ausflüge mehr in den Osten? Ich komme aus dem „Osten“ und bei uns wird viel geholfen, viel gegen rechts demonstriert und meines Erachtens nach gibt es in meiner Umgebung auch nicht mehr dumme nazis als im „Westen“… Die Aussage hat mich irgendwie beschäftigt und verletzt … Wir geben,genau wie der Rest in Deutschland, was wir können… Sicher gibt es auch hier seltsame Ansichten und komische Menschen… Gibt es die bei euch nicht? Wie gesagt ich finde deinen Beitrag sehr gut und möchte ihn wirklich nicht schmälern und im Prinzip kannst du auch nichts für die Aussage deiner Freundin… Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass solche Aussagen (in denen man Deutschland immer noch teilt und man dem Osten das „Böse“ zuspricht)ethisch auch nicht zu 100% korrekt sind.

    • Liebe Susann,
      ich kann dich sehr gut verstehen und wollte dich nicht verletzen. Natürlich hast du Recht, „Pack“ gibt es leider überall. Es ist eine Aussage, die so getroffen wurde und die ich nicht nur einmal gehört habe. Natürlich darf man eine ganze Region nicht mit den Taten einiger weniger gleichsetzen, aber man muss meiner Meinung nach auch zuhören können und versuchen zu verstehen, warum solche Aussagen getroffen werden. Mich persönlich beschäftigt es sehr, dass meine Freundin und viele andere nicht mehr in den „Osten“ fahren möchten. Gleichzeitig weiß ich auch nicht, wie ich in dieser Situation reagieren würde. Ich habe viele sehr gute Freunde, die aus dem ehemaligen Ostdeutschland stammen. Ich selbst liebe es, nach Brandenburg oder in die umliegende Region zu fahren. Wunderschöne Natur und vielerorts auch nur nette Menschen. Aber ich kann niemandem absprechen, Angst zu haben. Es gibt leider auch Gegenbeispiele und wenn ich höre, was mir meine Freundin Anne aus Heidenau berichtet, möchte ich persönlich dort nicht leben. Es macht mich unendlich traurig, dass so etwas in unserem Land Wirklichkeit ist und ich hoffe sehr, dass die große Solidarität der Menschen ein Schritt in die richtige Richtung ist. Es freut mich auch sehr zu hören, dass du dazu beiträgst. Vielen Dank! Ich bin übrigens nach der Mauer aufgewachsen und differenziere selten in Ost und West. Mich erstaunt, dass es in diesem Fall aufgetreten ist, aber vermutlich ist dies durch die Medienberichterstattung bedingt.

      Dir alles Gute! Liebe Grüße,

      Julia

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